Jörg Loskill

Die taumelnde Zwischenwelt des Ungefähren

Zu den Bildern von Udo Scheel im Museum „Cubus“, Duisburg

Eröffnung am 21. März 2015

Schnell, schnell, schneller, schneller, das dahin rasende, aber auch einlullende Tempo gerät zur Atemlosigkeit, zum Schwindel, zum hastigen Taumel – und der eben scheinbar noch idyllische Zustand gefriert zur Ungenauigkeit, zum Schwanken, zum Verwischen, zum Ungefähren, schließlich zur Auflösung von Ordnung, Position und eigentlich gefestigten Architektur-Umrissen. Eine private System-Welt mit dem rituellen Tanz auf dem Vulkan einer aggressiv erlebten Aktualität gerät ins Schlingern, in eine Schieflage, in einen Rausch des Aufgebens und Entladens, der explodierenden Ironie, ja sogar der vom Ich ausgelösten Selbstzerstörung. Irgendeine, uns kaum treffende oder meinende private Welt? Von wegen, es ist „unsere“ Wirklichkeit, unser Verhalten, unsere Sicherheit, die sich in eine extreme Situation hinein verändert. Der Untergang der „Titanic“ als motivischer Anreiz für Kopfgeburten… Die festen, ja ehernen gesellschaftlichen Regeln von einst gelten nicht mehr, neue werden vielleicht eingefordert oder werden verdrängt, sind noch längst nicht Bestandteil einer neuen Menschenkultur. Diese Welt hat ihre Traditionen, ihre Werte, ihre moralischen und ideellen und ethischen Haltegriffe verloren. In diesen Bildparabeln, die uns in ihrem problematischen Aggregatzustand den Atem nehmen, enthüllt sich ein Verlust: Das, was früher einmal war, vor den Weltkriegen, vor der religiösen Pervertierung, vor der Ideologisierung von Macht, gilt nicht mehr. Quo vadis, Abendland, Deutschland, Friedensparadies, Traumutopie humaner Gesetze, Abenteuer, Glück und Bindungen – wohin taumelt dieser visionäre Wunsch nach andauernder Harmonie, nach Dauer-Freiheit und Wohlergehen? Es handelt sich um den freien Fall ins Niemandsland der Hoffnungen und Sehnsüchte, die zur trügerischen Falle werden…Die Katastrophe, begleitet von Hysterie und Panik, lugt bereits um die Ecke in diesen verstörenden Momenten.

Kaum ein deutscher Maler der ersten Kategorie hat diesen Zustand so radikal wie treffend, so substantiell wie sensibel, aber eben auch mit skeptischer Ironie uns in seinem Schaffen vor Augen geführt wie Udo Scheel. Jedes seiner Tableaus, oft ungewöhnliche, monumentale und extreme Großformate, die uns auf den ersten Blick zu erdrücken scheinen, untermalt diesen Akkord malerischer und thematischer Inhalte. Der Raum birst, das Licht spukt mit Geheimnis und Entdeckung um die Wette, die Frivolität tanzt mit dem Teufel um die Herrschaft, Diagonale, Senkrechte, freies Feld, Begrenzung, Verdichtung, Enthüllung, die Tragikomik eines fixierten Augenblicks als strudelndes Drehmoment, das fragende Changieren von Realität und Abstraktion, die sich verschleiernde Tiefe einer Bewegung oder auch einer bildnerischen Perspektive, die exquisite Mischung von Farbbündeln und –verknotungen, der Spiegel, in den wir oft ratlos schauen angesichts der dramatischen Enge und Dichte des uns überflutenden Gleichzeitigen einer konsequenten Malerei mit starker theatralischer Sinnlichkeit, die Metaphern von Interieur und Figur, von Versatzstücken und Gedankenfragment, das Anekdotische und das Mythische, das Zitieren (von eigenen Bild- und Zeitgedanken) und das Verrätseln, die Offenheit eines Inhaltes und das Innehalten inmitten von Auflösungstendenzen – das alles steuert bei diesem nahezu alle Schablonen überrollenden Künstler einer Zwischenwelt zu, einem Dazwischen von privater Wirklichkeit und sozialer Analyse, von Richard Wagners Erlösungsfragen und Gustav Mahlers Musikerschütterung, von cooler Handy-App und Absage an speedy SMS-Gesimse, von Epos und Gedicht, von kühler Distanz und hitziger Offenbarung. Gemälde der Kontraste, der Konfrontationen, der Provokationen – aber alles ohne spekulative Reize. Scheel stellt sich als Zeitgenosse den Verwerfungen der Gegenwart in der heutigen Realität. Ein Spiel mit dem Feuer, ein Theater des Absurden entsteht, ein visuelles Panorama-Fest bestürzender und zwiespältiger Wahrheit ist das Ergebnis. Jeweils im Augenblick des kreativen Schöpfens.

Udo Scheel, gebürtig aus Wismar, Studium in Düsseldorf und Hamburg, für kurze Zeit Kunsterzieher in Oberhausen, dann ab 1971 Professor in Mainz, dann – als wichtigste berufliche Station – der Aufbau der Kunstakademie in Münster, deren Rektor er zum Schluss auch wurde, lässt sich nicht einfach und ohne Widersprüche künstlerisch verorten. Er bleibt, auch jetzt im Reifezustand von 75 Jahren, ein erratischer Einzelgänger, der sicherlich von den italienischen Renaissance-Deutern, den Impressionisten, den Surrealisten, von (seinem Freund) Karl Otto Götz, von Paul Klee (als Zeichner!) und anderen Großen der informellen oder auch frei assoziativen Malerei und der Grafik beeinflusst wurde. Scheels Schaffen, im Cubus wie die Spitze eines Eisberges zu besichtigen und wahrzunehmen, gleicht einer steten philosophierenden Befragung der Gesellschaft, in die der Künstler mit seinen Mitteln eindringt und damit uns in der Schein-Zufriedenheit beunruhigt. Oder verstört.

Scheel, nimmermüder Promoter und Impulsgeber für internationale Kunstachsen, für studentische Begegnung und den produktiven Dialog zwischen Ländern und Kulturen, steht auch in seinen Werken hinter einem über nationale Grenzen hinausgehenden Verständnis. Er ist ein malender Kosmopolit. Natürlich bildet er zunächst die deutsche Gesellschaft mit ihren Eitelkeiten und Ignoranzen, mit ihrer Oberflächlichkeit und Selbstzufriedenheit ab. Aber seine Gemälde führen über die nationale Stimmung hinaus: Sie treffen ganz allgemein die Weltenlenker und –denker, die längst abgehoben haben und sich eine gefällige, egomanische Einteilung von Gut und Böse, Reich und Arm, Außenseiter und „main stream“ geschaffen haben. Zumindest auf dem geduldigen Papier.

Bei Scheel ist es nicht geduldig. Auch nicht brav oder konventionell. Das Gegenteil stimmt. Bei diesem Maler und Grafiker wird alles in Frage gestellt. Die Tradition der einst gültigen Werte, die die Gesellschaft mit ihrem Humus der Konventionen zusammenhielt, gilt längst nicht mehr. Eine Neuorientierung findet statt – in der Kunst oder durch die Kunst, in der Politik oder durch die politischen Instanzen, in der alles Triviale aufsaugenden Gesellschaft oder durch die sozialen Bindungswünsche? Das alles reißt dieser Künstler an, deutet Richtungen, bezweifelt angedachte Regelungen, sucht nach dem Halt für die torkelnd Tanzenden einer Konsum- und Geilheitsgesellschaft, die jagenden Gejagten.

Scheel, um mit seinem Freund, dem documenta-Kurator und Kunst-Theorieprofessor Manfred Schneckenburger zu sprechen, sprenge übliche Einteilungen, denn „der Schwung dieser Malerei und ihre eigenwillige Brechung ins Mondäne, Preziöse, Erotische, Ironische tragen über alle Anklänge hinweg“. Seine Figuren „fetzen im Interieur“, schreibt Schneckenburger. Und Prof. Ferdinand Ullrich (Akademie Münster und Museumschef in Recklinghausen) ergänzt in einem Katalogbeitrag: „Scheel setzt eine Bildwelt eigenen Rechts“ – fernab von schlichter Schubladeneinweisung mit „gegenständlich/abstrakt“. Im Zustand zwischen Intellekt und Gefühl erreiche er, so Ullrich, „einen wohlkalkulierten, -komponierten und zugleich intensiven Bildmoment.“ Scheel bewege sich besonders in seinen Großformaten „entschieden unentschieden“. Was, so meine Folgerung, aber nichts mit Beliebigkeit, Bequemlichkeit oder Kompromissfreundlichkeit zu tun hat. Scheel baut auf der Kunstgeschichte und ihren Erfahrungen in Phasen auf – aber er bleibt nicht als Zitatenmeister darin stehen. Er entwickelt eine individuelle Motiv-, Farben- und Perspektivstruktur.

Im Cubus wird ihm die Möglichkeit gegeben, sein gemaltes Portfolio in aller Breite auszulegen. Die Bilder scheinen fast den Raum visuell zu überrennen. Die Sujets fallen uns mit größter Suggestionskraft an, ja ihre Energien werden uns ins Auge und ins Bewusstsein geschleudert. Bilder der Lust, der Verunsicherung, der Nähe zum Tod, zum Überschreiten von Grenzen: Scheels Menschenkosmos, meist von einem Paar inspirierend ausgehend, setzt wie in einem Puzzle Fragmente, Emotionen, Metaphern, Raum, Fläche, Farben und Linien exquisit zusammen: als Freiheitsoption des Künstlers, der allerdings in diesem Alter um die freiheitliche Beschneidung im Denken und Handeln weiß. Hier ist nichts naiv, sondern in einem Kunstraum rasen die Figuren mehr oder weniger gewollt aneinander vorbei oder prallen zusammen. Hastig, heftig, honigsüß und schmerzensbitter. Diese Süße ist fratzenhaft, dieser Schmerz will ausgekostet werden.

Mir scheint, in den jüngsten Arbeiten Scheels nimmt das fragende, rätselhafte, unbestimmte Element zu. Das Bild wird zum Gedankenlabyrinth, in dem man sich verlieren kann. Körper stürzen, die Welt steht kopf, die Messer werden gewetzt, Tiere wie Affen und Bären als Mitbewohner unseres arg gefährdeten Planeten, springen uns an. Da ist jemand, der sich nach neuen Ordnungen und Bewertungen sehnt. Aber der zugleich weiß, wir hangeln uns nur mühsam weiter zur fernen Utopie des Gerechten, Humanen und Aufrichtigen. Wismar, Münster und Berlin dienen als biografische Pole dieser Entwicklung und ihren damit aufgeworfenen Fragen.

Wir müssen uns dem Leben stellen, so oder so. Damit sagt Bildphilosoph und -verführer Udo Scheel, der bisher so große Ausstellungen in Berlin und Münster, in Minsk und Wismar, in Brüssel und Straßburg, in Istanbul, Düsseldorf und Basel usw. verzeichnete, sehr viel über den Zustand von sich, von uns allen, von der Gegenwart und der Zukunft, den Lebensthemen von Liebe und Zweifel. Und vom engen, reziprokenen und dialektischen Horizont zwischen Kunst und Wirklichkeit.

Jörg Loskill


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